Demografie : Die Alten bleiben, die Jungen verschwinden

(quelle: www.derwesten.de; Attendorn, 10.12.2010, Gunnar Steinbach)

Attendorn.  „Der demografische Wandel“, so der CDU-Stadtverbandsvorsitzende Johannes Jürgens in der Attendorner Stadthalle „kommt so überraschend wie der 50. Geburtstag.“ Die Zahlen der Geburtenzahlen, Ab- und Zuwanderungen liegen lange auf den Tisch, aber die Wucht ihrer Bedeutung wird erst jetzt klar.
Schulen werden geschlossen oder zusammengelegt, die Dörfer veröden, Immobilien, die als Altersversorgung gedacht waren, verlieren dramatisch an Wert - die Beispiele lassen sich fortsetzen.

Mit einer Podiumsdiskussion wollte der CDU-Stadtverband am Mittwochabend in der Stadthalle die Phase der Analyse abschließen und einen ersten Schritt zur Bewältigung des Problems machen. Ergebnis: Die Stadt Attendorn braucht ein Gesamtkonzept, wie sie mit den Problemen umgehen will: „Was wollen wir?“, so Jürgens.

 

Bild: Martin Plückebaum, Carsten Graumann, Johannes Jürgens, Hildegard Schröteler von Brand, Dr. Matthias Heider und Bruno Droste (v.l.)

Die Bestandsaufnahme für Attendorn ist, so Prof. Dr. Hildegard Schröteler von Brand (Uni. Siegen), ist besser als in vielen anderen Orten und deshalb auch Grund dafür, dass die Diskussion um den demografischen Wandel hier erst viel später als anderenorts geführt wird. In Attendorn gibt es:ein komplettes Schulsystem, mit dem Krankenhaus eine gute medizinische Versorgung vor Ort, Arbeitsplätze und noch einen „guten Besatz“, so Schröteler von Brand, „an jungen Menschen im Alter von 15 bis 24 Jahren.“ Trotzdem: auch in Attendorn kommen die Geburtenstarken Jahrgänge der 50er und 60er Jahre langsam in das Alter. In zehn bis zwanzig Jahren wird die Stadt und Gesellschaft völlig anders aussehen, es ist jetzt Zeit, die Weichen zu stellen. „Was wollen wir?“

Mögliche Zielkonflikte an einem Beispiel, das Attendorns Beigeordneter Carsten Graumann anführte: „Wollen wir im Wettbewerb mit anderen Städten im Kreis Olpe und darüber hinaus junge Menschen anwerben? Dann müssen wir neue Baugebiete ausschreiben und sie aggressiv bewerben.“

Aber ist das sinnvoll?

Angesichts zurückgehender Bevölkerungszahlen neue Baugebiete ausschreiben? Was das bedeutet, werden zunächst die Dörfer spüren. Bereits jetzt ist der Prozentsatz der Einfamilienhäuser, in denen nur ein oder zwei Menschen im Alter von über 60 Jahren wohnen, sehr hoch. In Helden sind es rund zwei Drittel. Über kurz oder lang wird es dort eine hohe Zahl von Leerständen geben.

Leerstände hier, Neubaugebiete dort? Kaum jemand wird junge Familien, die wegen eines Arbeitsplatzes nach Attendorn gezogen ist, leicht davon überzeugen können, eine „Bude“ aus den 60er oder 70er Jahren mit hohem Investitionsstau zu kaufen, auch wenn sie billig ist. Eine mögliche Lösung zeigte Attendorns Umweltbeauftragter Martin Plückebaum auf: „Wir sollten darüber nachdenken, ob Baugrund nicht auch über den Abriss zu realisieren ist.“ Die Kindergärten spüren den Geburtenrückgang noch früher als die Schulen: „Hier werden“, so der CDU-Fraktionsvorsitzende Bruno Droste, „Kapazitäten frei.“ Eine Entwicklung, die seiner Meinung nach dazu genutzt werden sollte, U3-Plätze anzubieten: „Wir müssen den jungen Familien die Möglichkeit geben, ihr Leben so zu gestalten, wie sie es für richtig halten. Das hören hier nicht alle gerne, aber es ist die Wahrheit, und die muss man aussprechen.“ Einen ersten Versuch, dem Problem des demografischen Wandels zu begegnen, will die CDU im Haushalt 2011 verankern:Sie beantragt Mittel zur Förderung von Familien, die Altimmobilien erwerben, in den Haushalt aufzunehmen.