Rede des 2. stellvertretenden Bürgermeisters Uli Selter zum Volkstrauertag

 

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, werte Geistlichkeit, liebe Mitmenschen, für die dieser Tag eine ganz besondere Bedeutung hat,

ich darf Sie und Euch alle zur Gedenkfeier im Namen der Stadt Attendorn – aber auch ganz persönlich - herzlich begrüßen. 

72 Jahre, 6 Monate und 11 Tage ist es heute her, dass in Europa der 2. Weltkrieg endete. 99 Jahre liegt der 1. Weltkrieg hinter uns.Zum 100. Mal jährt sich die russische Revolution, in deren Fahrwasser der Kalte Krieg segelte.

Alles vorbei, beendet, abgeschlossen – und wir stehen hier, Männer, Frauen, Musiker, Sänger, Kameraden der Reservisten, Bewohner einer friedlichen Stadt, im friedlichen Sauerland in Friedenszeiten. Sind wir noch zeitgemäß, wir überwiegend Nachgeborenen ?

Foto: Christiane LangFoto: Christiane Lang
 

Sind wir nicht ewig Gestrige, die ihren Sonntagmorgen in Gedanken an ferne Zeiten auf dem Friedhof verbringen? Sind wir die absolut Konservativen ?

 

Hätte ich bei meinen ersten Gedanken an die Intention dieses 19. November je auch nur die kleinste Neigung zu einem Ja verspürt, ich würde sicher nicht hier stehen !

 

Gewiss ist mit unserem Treffen Tradition verbunden – gewiss blicken wir zurück. Das ist auch notwendig. Aber dann kommt der entscheidende Schritt.
Wir dürfen genau an dieser Stelle nicht stehenbleiben. Der Blick zurück heute fordert uns auf, das Morgen mit den reflektierten Erfahrungen der Geschichte zu gestalten.

Sind wir dann die absolut Konservativen ?

 

Wir sind genau das Gegenteil! Wir sind in diesem Moment die Progressiven, die Zukunft bauen und formen wollen, die das Erinnern jetzt und nun als eine Rast auf dem Weg des Friedens betrachten, ganz im Sinne eines Mahatma Gandhi, der sagt: ‚Es gibt keinen Weg zum Frieden, denn Frieden ist der Weg.‘

 

Aber diese Tatsache fordert uns, fordert einen jeden einzelnen von uns. Das alles geht nicht von allein !

 

Ganz deutlich sagt es Immanuel Kant: ‚Der Friede muss gestiftet werden, er kommt nicht von selber.‘

 

So wird dieses Ehrenmal, in das unsere Blickrichtung geht, nicht zu einem Endpunkt. So wird dieses Ehrenmal zu einem Ort des Aufbruchs. 

Im Angedenken von Krieg und Gewalt, im Angedenken an Männer, Frauen und Kinder, die als Opfer zu betrauern, zu beweinen sind, verharren wir – und sammeln Kraft, Kraft für eine Welt, für eine Zukunft, in der diese Menschen uns in Liebe verbunden Mahnung sind, Mahnung so etwas nie wieder möglich zu machen. 

Aber die so hehren Ziel bedürfen eines Nährbodens, einer Basis, auf der wachsen und gestalten fruchtbar möglich sind.Es ist  so viel Unkraut gewuchert auf jenem Boden. Es ist alles so weit weg, 72 Jahre, 6 Monate, 11 Tage, 99 Jahre und ….. Die Tatsache des Nachgeborenseins, des Nichterlebens, der Nichtauseinandersetzung lassen zarte Triebe der Wiederkehr gedeihen, bei uns, nebenan und weit draußen. 

Es wird wieder gesellschaftsfähig, was einst in seiner Aktualität als Böse außer Frage stand. Es macht das Polster der eigenen Bequemlichkeit uns unsensibel für offensichtliche Entwicklungen. Die sichere Lage des eigenen Daseins lässt abstumpfen vor der Situation von Kriegs- und Fluchtopfern, manchmal, nicht immer. Aber manchmal ist zu viel ! 

‚Der Friede muss gestiftet werden, er kommt nicht von allein.‘ Wie wahr  und wie aktuell sind da doch Kants Worte. Ein zweifellos probates Mittel dazu, wie ein jeder seinen Beitrag leisten kann lässt sich aus einem nepalesischen Sprichwort entnehmen: ‚Wer den Feind umarmt, macht ihn bewegungsunfähig.‘

Nein, wir haben sie nicht vergessen, die Opfer, deren wir heute gedenken, hier an diesem Ehrenmal. Es wird ihnen gut tun, in der himmlischen Ewigkeit, deren können wir gewiss sein.Und in  gleicher Gewissheit, kann ich sagen, fordern uns alle Opfer der Vergangenheit heute auf, solche in der Zukunft zu verhindern. 

72 Jahre, 6 Monate und 11 Tage, 99 Jahre und... wir sind vieles, aber keine ewig Gestrigen.

Wir können, wir sollen, wir müssen  mit unserer Wertschätzung der Toten von Krieg und Gewalt, mit unserem Wachhalten an den wahren Inhalte des Volkstrauertages, das Ehrenmal verstanden nicht als Ziel sondern als Start, die Erinnerung nicht nach hinten sondern nach vorn gewandt in der aktuellen Situation unsere Welt den Volkstrauertag als Aufbruch zur Gestaltung verstehen.Was wir tun an diesem Sonntagmorgen im November 2017 – es ist aktueller denn je!

Danke dem Musikzug, der Freiwilligen Feuerwehr, dem MGV Cäcilia für die musikalische Gestaltung, der Reservistenkameradschaft für die Ausrichtung,

Danke Ihnen allen für Ihr Zuhören, und vor allem, dass Ihnen der Tag etwas wert ist.

Attendorn, 19.11.2017

 Uli Selter (CDU)

 2. Stellvertretender Bürgermeister